Wenn Münzen lügen

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Seit jeher dienten Münzen nicht nur als Geld, sondern auch als Träger von Botschaften. Schon in sehr früher Zeit waren diese Botschaften politisch – vom Stolz auf die eigene Polis bis zur angeblichen Verwandtschaft eines Königs mit einer Gottheit. In der römischen Kaiserzeit, etwa 600 Jahre nach „Erfindung“ der Münze, gelangte die Nutzung der Münzen als politisches Medium zur Perfektion: Der Kaiser wurde auf idealisierte Weise dargestellt und in die Sphäre des Göttlichen gerückt, beispielsweise mit Attributen wie dem Strahlenkranz; der Nachwuchs des Kaiserhauses wurde präsentiert, seine Kriegstauglichkeit wurde betont; Eroberungen und Friedensschlüsse wurden auf Münzen bekanntgegeben.

Tatsächlich dürfen wir annehmen, dass sich Neuigkeiten, die das Imperium betrafen, auf Münzen bis in die letzten Winkel des Reiches verbreiteten. So ist auch der Vergleich des großen Wiener Numismatikers Robert Göbl als „Tageszeitung der Antike“ angebracht. Wie bei heutigen Medien auch, ist allerdings bei römischen Münzen Vorsicht angebracht, was den Wahrheitsgehalt der Meldungen betrifft. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, von denen hier nur zwei behandelt werden sollen.

Das erste Beispiel handelt von einem Gebrüderpaar, das sich spinnefeind war. Gemeint sind P. Septimius Geta und Antoninus Pius IV. (gest. 211), genannt Caracalla (gest. 217). Sie waren die Söhne des Kaisers Septimius Severus (193-211), mit dem das dritte Jahrhundert verheißungsvoll begann, denn es gelang ihm, das Reich noch einmal zu stabilisieren. Nach dem Tod des Septimius Severus in Britannien regierten Geta und Caracalla gemeinsam. In Rom aber wusste Jedermann, dass sich die Brüder anfeindeten, also war Gegenpropaganda nötig.

Sesterz: Die Hände reichen
Abbildung 1

Dies geschah beispielsweise mithilfe von Münzen, die die Concordia, die Eintracht, der Augusti (Kaiser) feierten. Darunter befindet sich dieser äußerst seltene Sesterz, auf denen sie sich die Hände reichen (Abb. 1). (Hinter ihnen stehen ihre Schutzgötter.) Allerdings gelang es den beiden jungen Kaisern nicht lange, ihre Feindschaft zu unterdrücken. Im Dezember 211, nur 8 Monate nach dem gemeinsamen Herrschaftsantritt, wurde Geta im Kaiserpalast erstochen. Antike Schriftsteller meinen zu wissen, dass dies auf Befehl seines Bruders Caracalla erfolgte, der fortan allein regieren konnte.

Antoninian. Kaiser Valerian
Abbildung 2

Noch bizarrer ist die Geschichte, die sich um den folgenden Antoninian rankt, den Kaiser Valerian prägen ließ (Abb. 2). Zu seiner Herrschaftszeit war das Römische Imperium Angriffen von Reitertrupps aus Mesopotamien ausgeliefert. Mehrfach waren sie in die östlichen Provinzen vorgedrungen und hatten dort Angst und Schrecken verbreitet. 257 brach Valerian zum Feldzug gegen die Sassaniden auf, die unter dem Großkönig Schapur auf dem Zenit ihrer Macht standen. Der römische Feldzug wurde propagandistisch begleitet, u.a. mit entsprechenden Münzen. Auf dem hier gezeigten Antoninian ist Kaiser Valerian zu sehen, zu dessen Füßen ein Gefangener kauert.

Valerian Felsrelief
Abbildung 3

Die römischen Betrachter konnten sich hinzudenken, dass damit entweder ein Sassanide oder ein Germane gemeint war. In jedem Fall aber war die große Gestalt als Kaiser Valerian zu deuten, der seinen Feinden überlegen war. Im Kampf gegen die Sassaniden geriet Valerian allerdings um 260 in arge Bedrängnis: Er wurde gefangen genommen und diente Schapur angeblich einige Jahre als Sklave. Dieser setzte seinen Erfolg bildlich um, was noch heute in einem Felsrelief im Iran zu sehen ist (Abb. 3). Die Bildsprache ist quasi die Umkehr des römischen Münzbildes.

Abb. 1, Sesterz des Geta, 210-211, RIC 184. http://www.ma-shops.de/haymann/item.php5?id=7

Abb. 2, Antoninian des Valerian, 254-258, RIC 117. http://www.ma-shops.de/haymann/item.php5?id=110

Abb. 3, Felsrelief des Großkönigs Schapur http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bas_relief_nagsh-e-rostam_al.jpg

Vielen Dank an Dr. Florian Haymann
(MA-Shop von Dr. Haymann)